TLDR;
Informationsästhetik
Ich würde euch gerne aus meiner Sicht die Ästhetik von Information vorstellen.
Alles, was ich „Welt“ nenne, ist im Endeffekt Information. Denn alles, was ich glaube, dass sich da draußen abspielt, ist am Ende nur eine Rekonstruktion dessen, was ich mir anhand der bei mir ankommenden Informationen ausdenken kann.
Wir können zum Beispiel nur annehmen, dass dieser Stuhl existiert, weil unsere Rezeptoren die richtigen Signale aus den Zuständen von nicht ganz zufälligen Photonen entnehmen.
Das ist allerdings in erster Linie meine Weltansicht und für mich noch ziemlich Wertungslos. Wirklich schön wird es erst, wenn wir uns überlegen, was man mit der Information anderes machen kann als mit dem Emitter.
In erster Linie fällt mir dabei die Art des Transfers auf. Natürlich kann man auch einen Stuhl transferieren, aber wie viel leichter ist es, einer Kollegin davon zu erzählen oder ein Bild davon zu verschicken?
Wieso ist der Informationstransfer so viel einfacher als der Transfer von Objekten?
Betrachten wir dazu zuerst einmal den Transfer von einem Objekt. Dazu muss eine gewisse Kraft aufgewendet werden, welche das Objekt dann in Bewegung setzt, bis es schlussendlich wieder zum Stehen kommt. Man kann das Objekt dann an einem anderen Ort untersuchen.
Wie viel Energie es benötigt, Informationen zu transferieren, welche das gesamte Objekt darstellen, kann ich schlecht beurteilen. Aber ab diesem Moment sollte einem auffallen, dass man nie die vollständigen Informationen sendet. Im Gegenteil: Wir transferieren immer ein reduziertes Abbild der Wirklichkeit.
Und wir Menschen sind unheimlich gut darin, Informationen zu reduzieren, so gut, dass wir es fast sogar geschafft haben, alles Lebensnotwendige auf ein diskretes Set abzubilden. Ein Beispiel dafür ist das Wort „Stuhl“. Natürlich beinhaltet es nicht die gesamte Information dieses speziellen Stuhls, aber für den Energieaufwand, den es mich kostet, euch dieses Wort mitzuteilen, wisst ihr alle schon unfassbar viel von diesem Objekt.
Und wenn das Wort Stuhl nicht ausreicht, dann kann man weitere Informationen anhängen, bis es genug sind, um das Bedürfnis nach Wissen praktisch zu erfüllen. Nehmen wir zum Beispiel die Größe eines Berges: Wir können in der Sprache immer weitere Kommastellen hinzufügen, bis es genau genug ist. Der Aufwand wird immer kleiner bleiben, als diesen Berg zu der interessierten Person zu bringen.
Und genau das finde ich so ästhetisch. Information ist komprimierbar und reduzierbar, und trotzdem bleibt sie praktisch nutzbar.
Wir sind sogar in der Lage, Ereignisse, die sonst nicht festzuhalten sind, in einen Blogartikel zu komprimieren und diesen dann für geringe Kosten um die ganze Welt zu schicken, und das nicht nur einmal, sondern theoretisch so oft, wie wir wollen.
Ist das nicht schön?
Fragen zum Weiterdenken
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Wann und warum bin ich davon ausgegangen, dass wir uns dasselbe unter „Stuhl“ vorstellen?
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Sprache ist ein Werkzeug mit dem Sinn, zu kommunizieren. Wären wir nicht in der Lage, über etwas Vergleichbares zu sprechen, wäre sie wertlos. (Ich will der Lautmalerei ihren Wert nicht absprechen, doch es fehlt ihr meist an Komplexität, um manche Probleme auszudrücken, wofür Sprachen geschaffen sind.)
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Ich bin davon ausgegangen, dass wir alle im selben Kulturkreis aufgewachsen sind oder so gelehrt wurden, dass man es mit einer inkompatiblen Vision eines Stuhles nicht bis hierher gebracht hätte.
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Folglich habe ich den Glauben, dass Bedeutungen bei Menschen, die miteinander kommunizieren, konvergieren, um das Verständnis reibungsloser zu gestalten. Da wir uns alle physisch relativ nahe befinden, glaube ich, dass wir indirekt alle schon miteinander kommuniziert haben.
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Wo sind die Gefahren der Reduktion und wann sollte man lieber das Objekt transferieren?
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Die einfachste Antwort ist: Wenn wir noch nicht wissen, was wir wissen wollen, und später keinen Zugang darauf mehr haben.
- Beispiel: Man soll im Keller etwas in einem Ordner nachschauen, vergisst auf dem Weg dorthin eigentlich was, und im Keller gibt es auch keinen Empfang. Folglich ist es die einfachste Alternative, einfach den Ordner mitzunehmen.
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Bei der Reduktion verlässt man sich immer darauf, dass die andere Person praktisch notwendige Informationen daraus deduzieren kann. Wenn man das dem Gegenüber nicht zutraut, ist man gefährlich unterwegs und muss zuerst „Common Ground“ finden.
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Gleiches gilt natürlich auch für sich selbst, wenn man sich nicht selbst zutraut, verlässliche Informationen dem Objekt zu entnehmen.
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Man könnte so stark komprimieren, dass wertvolle Informationen verloren gehen, sodass eine weitere Untersuchung notwendig wäre.
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Was ist irreduzibel? (Oder: Was lässt sich nicht reduzieren?)
- Welcher Teil ist irreduzibel, da sich jede Antwort selbst als falsch herausstellen würde?
- Das Unbekannte ist irreduzibel, da man etwas, das man nicht weiß, auch nicht komprimieren kann. Wenn das Unbekannte auf das Unbekannte reduziert wird, kann es immer nur das Unbekannte bleiben.
- Das Unvorhersehbare lässt sich nicht reduzieren, da es keine Basis gibt, von welcher hergeleitet werden könnte.
- Somit auch Objekte, die so unbekannt sind, dass sie nicht vom Set abgebildet werden können.